Internationale Tagung, 19.-21 Oktober 2016, Faculté des Lettres et des Sciences Humaines, Université de Limoges (France) Die Rezeption des deutschen Mittelalters im heutigen Frankreich La réception du Moyen Âge allemand dans la France d’aujourd’hui

Andrea Schindler's picture
Type: 
Call for Papers
Date: 
October 19, 2016 to October 21, 2016
Location: 
France
Subject Fields: 
French History / Studies, German History / Studies, Literature, Medieval and Byzantine History / Studies, Popular Culture Studies

Im Mittelalter entstanden diesseits und jenseits des Rheins zwei eng aufeinander bezogene literarische Traditionen. Dabei wirkten allerdings verschiedene Einflüsse, die unterschiedlich rezipiert wurden. Während die Erzählstoffe der deutschsprachigen höfischen Ritterromane dem Werk des Chretien de Troyes und der Minnesang der Lieddichtung der troubadours und trouvères verpflichtet sind, basieren heldenepische Stoffe nur teilweise auf französischen Quellen (bspw. das Rolandslied) und überliefern darüber hinaus andere historische und literarische Traditionen wie etwa das Nibelungenlied. Doch wurde dieser Typus der ‚germanischen‘ Heldensage in Frankreich wie überhaupt die ganze deutschsprachige mittelalterliche Literatur vor dem 19. Jahrhundert kaum rezipiert. Selbst der wohl bekannteste deutsche Dichter des Mittelalters, Walther von der Vogelweide, wurde erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Frankreich zur Kenntnis genommen, während etliche Deutsche, darunter Heinrich Heine, dessen Lieder im Codex Manesse in Paris – seit dem Dreißigjährigen Krieg im Besitz der Bibliothèque nationale – gerne gesichtet hatten. Dagegen wurde die Dichtung des späten Mittelalters schon früher rezipiert und übersetzt: Das Narrenschiff, die Schwanksammlung Till Eulenspiegel – dessen Namen im Französischen zu einem Begriff für „schelmisch“ wurde oder die Prosaromane Fortunatus und Historia von D. Johann Fausten. Im 19. Jahrhundert wuchs im Gewande des Historismus und zur Behauptung der nationalen Identität das Interesse für das geschichtliche und literarische Erbe erheblich. Das nationale Zeitalter erfand ein kontrastreiches Bild vom Mittelalter, das diese ‚Epoche‘ sowohl als idealisierte, vorbildliche Vergangenheit als auch als abschreckendes (historisches) Exempel zeichnete. Dabei ergänzten und bereicherten sich die jeweilige (deutsche und französische) Rezeption des Mittelalters gegenseitig, wie z.B. diejenige von Jeanne d’Arc durch die Vermittlung von Schiller und Görres. Seit der Geburt des Kinos (s. etwa die drei Faust-Filme von Georges Méliès) und noch mehr im digitalen und globalen Zeitalter ist der volle Prozess der Vereinheitlichung der Kulturen im Gange. So werden ehemalige nationale Stoffe und Motive fortan transkulturell. Ziel der Tagung ist es, den wohl nichtlinearen Aneignungsprozess des deutschen Mittelalters in der französischsprachigen Kultur vom 19. bis zum 21. Jahrhundert zu hinterfragen – von der früheren Abgrenzung oder gar Ausgrenzung bis hin zur heutigen allseits verkündeten Entortung und Entgrenzung der Kulturen. 

Die Tagung befasst sich mit den diversen medialen Rezeptionsformen des deutschen Mittelalters im französischen Sprach- und Kulturraum der letzten 200 Jahre. Im Fokus stehen dabei die Analyse verschiedenartiger Lesarten von literarischen Texten und deren reproduktiver und produktiver Rezeption sowie die Auseinandersetzung mit historischen oder literarischen Figuren bzw. deren ideologischer Vereinnahmung. Die Beiträge sollen sich nicht zuletzt um die Aufklärung der ästhetischen bzw. politischen Hintergründe des spezifisch französischen Umgangs mit der deutschen mittelalterlichen Tradition bemühen.

Methodisch knüpft die Tagung an den in den Vereinigten Staaten initiierten Forschungsbereich „medievalism“, an die seit den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum um die Mediävisten Jürgen Kühnel und Ulrich Müller etablierte Mittelalter-Rezeptions-Forschung und an die in Frankreich jüngst von dem Semiotiker Gérard Chandès und dem Komparatisten Vincent Ferré eingeleitete Reflexion zum „médievalisme“ an.

Wir erwarten Beiträge sowohl zur wissenschaftlichen als auch zur populären oder zur produktiven Mittelalterrezeption. Besonders erwünscht sind Beiträge, die Einblicke in unterschiedliche Mediengattungen ermöglichen, sich das Prinzip des "gekreuzten Blicks" (regard croisé) zunutze machen, nationale Selbst- und Fremdbilder aufrufen bzw. konstruieren (etwa das Hildebrandslied als psychoanalytische Chiffre für den Mord an dem Sohn durch den Vater oder das Massaker an den Nibelungen als Inbegriff des Furor Teutonicus) oder minder bekannte Quellen erschließen.

Die Veranstaltung erfolgt in deutscher, englischer und französischer Sprache. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist in deutscher bzw. englischer Sprache geplant.

Contact Info: 

Referatsvorschläge mit maximal einseitigem Exposé werden bis zum 30. Juni 2016 erbeten an: Dr. Florent Gabaude (EHIC, Limoges) florent.gabaude@unilim.fr; Prof. Aline Le Berre (EHIC, Limoges) aline.le-berre@unilim.fr; PD Dr. Andrea Schindler (ZEMAS, Bamberg) andrea.schindler@uni-bamberg.de