CFP: Veränderung von Körperpraktiken: Das 21. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum (Zeitschrift Allemagne d’aujourd’hui 245/2023) - Deadline 30.11.2022 / CfP – Evolution of Body Practices in German-speaking countries in the 21st century (Allemagne d'aujo

Cécile  CHAMAYOU-KUHN's picture
Type: 
Call for Papers
Date: 
November 30, 2022
Location: 
France
Subject Fields: 
Art, Art History & Visual Studies, Literature, Philosophy, Theatre & Performance History / Studies, Women's & Gender History / Studies

CfP – Veränderung von Körperpraktiken: Das 21. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum (Zeitschrift Allemagne d’aujourd’hui 245/2023)

(English version below)

Angesichts wieder steigenden Interesses am Phänomen “Körperökologie” in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird auch die Rolle Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert besonders hervorgehoben. Deutschland galt und gilt weiterhin oftmals als Vorreiter hinsichtlich der Entstehung und Präfiguration von alternativen Körperkulturen, welche weder auf sportlichen Wettbewerb noch auf die Erbringung sportlicher Leistungen ausgerichtet waren.

Die Lebensreform (vgl. Wedemeyer-Kolwe 2017) und deren ausgewiesener Kampf gegen vermeintliche Pathologien der Moderne (Nervosität, Degeneration, Atomisierung, Arrhythmie) bildete als heterogene und apolitisch anmutende Reformbewegung den Rahmen für die Entstehung regelrechter sozialer Laboratorien. Als Beispiel ließe sich der „Monte Verità“ (vgl. Cluet/Sirost 2018), der Berg der Wahrheit (eine im italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin gegründete Kolonie, die sich wiederum vornehmlich aus deutschen Bohème-Intellektuellen und -Künstlern zusammensetzte), anführen, in der vielfältige Körperpraktiken mit “regenerierender“ Wirkung – nackt verrichtete Gartenarbeit, Wassertherapie, Wohnen in Lufthütten oder aber Kollektivtanz im Freien – erprobt wurden. Einige dieser Praktiken sind schon zur Zeit des Deutschen Reichs in den Mainstream “eingeflossen” (Radkau 2013).

Heutzutage sind es gleichzeitig auftretende und z.T. widersprüchlich anmutende Phänomene wie der allgemeine Trend zur Dematerialisierung durch IT- und Digitaltechnologie, das Wiederbeleben von Körper- und Gesundheitskult sowie die Präsenz des Körpers als „Schnitt-Stelle“ (vgl. Barkhaus/Fleig 2002) oder als Grenze zwischen Materialität und dem, was dieser entgeht (vgl. Barrière/Böhmisch 2020), die zusehends ins Forschungsinteresse rücken. Im deutschsprachigen Raum erlebt die Fitness-Industrie seit deren Aufkommen in den 1970er Jahren – trotz einer coronabedingten Zwangspause – wieder einen beispielslosen Aufschwung.

Darüber hinaus zeichnen sich die sich verändernden Körperkulturen in Deutschland sowie in vielen westlichen Ländern durch gegensätzliche Entwicklungen aus: Auf der einen Seite sticht das individualistische Streben nach Selbstoptimierung als Reaktion auf die Deregulierung der Außenwelt (vgl. Martschukat 2019) bzw. aufgrund der Einflussnahme der durch die sozialen Netzwerke verbreiteten Normen (vgl. Villa 2008) ins Auge. Auf der anderen Seite lässt sich ein ethischer Wille zur Selbstlosigkeit beobachten. Dieser wiederum findet seinen Niederschlag in einer auf Alltägliches und Konkretes ausgerichteten Mikroökologie und zielt darauf ab, sich um sich selbst, um den Anderen und um die Natur zu kümmern (vgl. Andrieu 2014), wobei über unser Handeln und dessen Folgen für unsere körperliche und physische Gesundheit, für unsere Mitmenschen und die Zukunft unseres Planeten reflektiert wird.

Entgegen der in den Sportstudios und durch Sportapps für Smartphones vorherrschenden Trends zur Selbstquantifizierung und Verdatung verstehen sich manche Praktiken als Erwachen der Sinne, als individueller, von jeglichem Sozialgebot befreiter Ausdruck oder gar als Formen von Körperbefreiung, welche entweder das Aufkommen eines neuen Körperbewusstseins oder die Ausweitung des Felds unseres Normalbewusstseins mit sich bringt.

Im Zuge der Gender Studies und deren Untersuchung von Sozialmachtgefüge und -verhältnisse überschneiden sich Fragen nach Identitäts-, Geschlechterkonstruktion und nach Körpersexualisierung in den Medien sowie eben auch die hier in ihrer Gesamtheit angesprochenen Fragestellungen. Durch die somit neu eröffneten Denkperspektiven werden dem bereits vor einigen Jahren erkannten body turn eigentümliche Impulse gegeben.

Die Ausgabe, die in der Zeitschrift Allemagne d’aujourd’hui Nr. 245 spätestens im September 2023 erscheinen soll, setzt sich zum Ziel, einen Beitrag zur Diskussion über die Stellung des Körpers und dessen Repräsentationen in postmodernen bzw. dem Posthumanen gewandten Gesellschaften zu leisten. Dabei soll ein Einblick in einige grundlegende Entwicklungen hinsichtlich Körperpraktiken gegeben werden.

Die interdisziplinäre und zeitgenössische Arbeitsperspektive dieser Ausgabe ist an der Schnittstelle zwischen Sozialwissenschaft, Psychologie, europäischer Volkskunde, Sportgeschichte, Kulturwissenschaften, Gender Studies, Medienwissenschaft, darstellenden Künsten, Theaterwissenschaft, Tanzwissenschaft und Literaturwissenschaft anzusiedeln.

Feldforschungen, aber auch Text- und Medienanalysen sollen bei dieser Ausgabe Berücksichtigung finden. Untersuchungsobjekte und -themen können sein (folgende Liste erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit): die neue Entwicklung der Fitness-Bewegung, die Trends zur Selbstoptimierung, die Veränderungen des Sporttreibens, der Kleidungskulturen, der Praktiken im Zusammenhang mit (Sonnen-)bräune, Piercing und Tätowierungen, der Running-Boom, der Aufschwung von physischer Selbstpflege und Körperökologien, die Technokultur.

 

Wir freuen uns auf Themenvorschläge, die in Form eines Abstracts (max. 400 Wörter) mit Angaben zum akademischen Hintergrund sowie zu relevanten Publikationen eingereicht werden können. Senden Sie diese bitte bis zum 30. November 2022 an:

Dr. Cécile Chamayou-Kuhn

cecile.chamayou-kuhn@univ-lorraine.fr

Dr. Olivier Hanse

olivier.hanse@univ-lorraine.fr

Um eine bessere Verbreitung in der französischsprachigen Wissenschaftsgemeinschaft zu erreichen, werden die in deutscher Sprache eingereichten Artikel ins Französische übersetzt.

Die Beiträge (max. 40 000 Zeichen) müssen vor dem 1. Juni 2023 eingereicht werden.

 

Zitierte Literatur:

  • Andrieu Bernard, „Les fondateurs de l'écologie corporelle : immerseurs-naturiens-émerseurs“, Sociétés, 3/2014 (125), S. 23-34.
  • Barkhaus Annette; Fleig Anne (Hg.), Grenzverläufe. Der Körper als Schnitt-Stelle, München, Wilhelm Fink Verlag, 2002.
  • Barrière Hélène, Böhmisch Susanne (Hg.), Corps-frontières. Perspectives littéraires, artistiques et anthropologiques, Cahiers d’Études Germaniques 78, 2020.
  • Cluet Marc; Sirost Olivier (Hg.), “Monte Verità”: communautés d’expériences du corps et de retours à la nature, in: Cahiers d’Histoire Culturelle 29, Dezember 2018.
  • Martschukat Jürgen, Das Zeitalter der Fitness. Wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde, Frankfurt/Main, Fischer, 2019.
  • Radkau Joachim, „Alternative Moderne. Ins Freie, ins Licht!“, Zeit Geschichte 2/2013, 21/5/2013. URL: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/reformbewegung-alternative-m...
  • Villa Paula-Irene (Hg.), Schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst, Bielefeld, transcript, 2008.
  • Wedemeyer-Kolwe Bernd, Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland, Mainz, Zabern, 2017.

 

CfP – Evolution of Body Practices in German-speaking countries in the 21st century (Allemagne d'aujourd'hui 245/2023).

In the context of renewed interest in the phenomenon of “body ecology” in the social sciences, the role of Germany in the early 20th century has been of particular interest. Germany was, and still often is, considered a pioneer with regard to the emergence of alternative body cultures, which were neither focused on athletic competition nor on the performance of athletic feats.

The German “life-reform movement” (Lebensreform) (cf. Wedemeyer-Kolwe 2017) and its designated fight against supposed pathologies of modernity (nervousness, degeneration…) formed the framework for the emergence of social laboratories as a heterogeneous and apparently apolitical reform movement. As an example, one could cite “Monte Verità” (cf. Cluet/Sirost 2018), the Mountain of Truth (a colony founded in the Italian-speaking Swiss canton of Ticino, which in turn was composed primarily of German bohemian intellectuals and artists), where a wide variety of body practices with regenerative effects - gardening done in the nude, water therapy, collective dancing in the open air - were experimented. Some of these practices had already entered the mainstream by the time of the German Empire (cf. Radkau 2013).

Nowadays, phenomena that occur simultaneously and sometimes in a seemingly contradictory manner, such as the general trend towards dematerialization through digital technology, the revival of the health cult, and the presence of the body as an “intersection” (cf. Barkhaus/Fleig 2002) or as a boundary between materiality and what escapes it (cf. Barrière/Böhmisch 2020), are clearly becoming a centre of research interest. In German-speaking countries, the fitness industry has experienced an unprecedented upswing since its emergence in the 1970s - despite a forced pause due to the coronavirus pandemic. Furthermore, the evolution of body cultures in Germany, as well as in many Western countries, is characterized by contradictory developments: On the one hand, the individualistic striving for self-optimization as a reaction to the deregulation of the outside world (cf. Martschukat 2019) or due to the influence of norms spread by social networks (cf. Villa 2008) stands out. On the other hand, an ethical will related to selflessness can be observed. This, in turn, is reflected in a microecology focused on the everyday and the concrete, on aims to take care of oneself, of the other, and of nature (cf. Andrieu 2014) and on reflecting on our actions and their consequences for our physical health and the future of our planet.

Contrary to the trends of self-quantification and computation prevalent in sports studios and sports apps for smartphones, some practices are more seen as awakenings of the senses, as individual expressions freed from any social imperative, or even as forms of body liberation that involve either the emergence of a new body consciousness or the expansion of the field of our normal consciousness.

Throughout the development of gender studies and its investigation of social power structures and relations, questions of identity, gender construction, and body sexualization in the media have overlapped, as do the questions addressed here. The new perspectives of thought that have been opened up give specific impulses to the “body turn” that was already recognized some years ago.

This issue, which is to appear in the journal Allemagne d'aujourd'hui No. 245 by September 2023 at the latest, aims to contribute to discussion around the position of the body and its representations in postmodern or posthuman societies. In doing so, it aims to provide insight into some fundamental developments regarding body practices.

The interdisciplinary and contemporary working perspective of this issue is located at the intersection of literary studies, social science, sports history, cultural studies, gender studies, media studies, performing arts and dance studies.

We welcome topic proposals, which can be submitted in the form of an abstract (max. 400 words) with details of academic background as well as relevant publications. Please send them by November 30th 2022 to:

Dr. Cécile Chamayou-Kuhn

cecile.chamayou-kuhn@univ-lorraine.fr

Dr. Olivier Hanse

olivier.hanse@univ-lorraine.fr

In order to achieve better dissemination within the French-speaking scientific community, articles submitted in German or English will be translated into French. Articles (max. 40 000 characters) must be submitted before June 1, 2023.

 

Cited references:

  • Andrieu Bernard, “Les fondateurs de l'écologie corporelle : immerseurs-naturiens-émerseurs”, Sociétés, 3/2014 (125), S. 23-34.
  • Barkhaus Annette; Fleig Anne (ed.), Grenzverläufe. Der Körper als Schnitt-Stelle, München, Wilhelm Fink Verlag, 2002.
  • Barrière Hélène, Böhmisch Susanne (ed.), Corps-frontières. Perspectives littéraires, artistiques et anthropologiques, Cahiers d’Études Germaniques 78, 2020.
  • Cluet Marc; Sirost Olivier (ed.), “Monte Verità”: communautés d’expériences du corps et de retours à la nature, in: Cahiers d’Histoire Culturelle 29, Dezember 2018.
  • Martschukat Jürgen, Das Zeitalter der Fitness. Wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde, Frankfurt/Main, Fischer, 2019.
  • Radkau Joachim, „Alternative Moderne. Ins Freie, ins Licht!“, Zeit Geschichte 2/2013, 21/5/2013. URL: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/reformbewegung-alternative-m...
  • Villa Paula-Irene (ed.), Schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst, Bielefeld, transcript, 2008.
  • Wedemeyer-Kolwe Bernd, Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland, Mainz, Zabern, 2017.
Contact Info: 

Cécile Chamayou-Kuhn - cecile.chamayou-kuhn@univ-lorraine.fr

Olivier Hanse - olivier.hanse@univ-lorraine.fr

Université de Lorraine - UFR Arts, Lettres et Langues, Metz (Frankreich)