Anders on Häberlen, 'The Emotional Politics of the Alternative Left: West Germany, 1968-1984'

Author: 
Joachim C. Häberlen
Reviewer: 
Freia Anders

Joachim C. Häberlen. The Emotional Politics of the Alternative Left: West Germany, 1968-1984. New Studies in European History Series. Cambridge: Cambridge University Press, 2018. 318 pp. $105.00 (cloth), ISBN 978-1-108-47174-9

Reviewed by Freia Anders (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) Published on H-German (November, 2021) Commissioned by Matthew Unangst (SUNY Oneonta)

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Die Historiographie zur außerparlamentarischen Linken zwischen „1968“ und „1981“, zwei Höhepunkten des politischen Protests nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, hat in den letzten Jahren viele Studien hervorgebracht, die die Heterogenität und Vielfalt linker Projekte der 1970er Jahre deutlich machen. Leerstellen gibt es nach wie vor. Das gilt weniger für die Herausbildung eines (links)alternativen Milieus im Kontext des Aufkommens „neuer“ sozialer Bewegungen, woraus später die Partei Die Grünen hervorging, wohl aber für die Geschichte der mehr oder weniger kurzlebigen Gruppierungen, die sich als undogmatische Linke verstanden.[1] Joachim Häberlen, associate professor of modern Continental European history an der University of Warwick, begibt sich in seinem „zweiten Buch“ auf eine Spurensuche nach der Gefühlspolitik dieser Linken, nicht ohne sich—dies sei vorweggenommen—bisweilen in den Untiefen des alternativen Milieus und der diesem verbundenen Subkulturen zu verirren.

Der methodische Ansatz der Monographie ist den Ansprüchen eines emotional turn in der Geschichtswissenschaft geschuldet. In fünf Kapiteln wird nachvollzogen, wie die „Linke“—der Begriff bleibt notgedrungen unscharf, mal sind es radikale, mal über einen gemeinsamen Lebensstil verbundene Alternative—ihre emotionale Befindlichkeit in der kapitalistischen Moderne interpretierte. Gezeigt werden soll, wie alternative Linke dem von ihnen imaginierten „emotional regime“ des Kapitalismus ein selbst kreiertes Gefühlsregime entgegensetzten, „that regulated how they should feel and talk about feelings“ (p. 25). Rekonstruiert werden Praxen, die einer „production of feelings“ dienen sollten und mit Hilfe derer die Akteure ihre „beschädigten Persönlichkeiten“ zu reparieren und sich in Beziehung zu ihren Körpern zu setzen suchten (p. 24). Darin folgten sie einem Trend zur „Psychologisierung des Alltags“, der bereits von den Zeitgenossen als „Psychoboom“ wahrgenommen wurde.[2] Häberlens Studie knüpft an ein Forschungsfeld an, das den Wandel von Subjektivitäten seit den 1970er Jahren in den Blick nimmt.[3] Er beansprucht dabei, einen Beitrag zum Verständnis des „political project of the alternative milieu as a whole“ zu leisten (p. 11). Einem politischen Projekt, dem es, folgt man Häberlein, nicht um einen „struggle for a more democratic world, in whatever sense, but for liberating feelings“ ging (p. 23).

Die Quellengrundlage besteht aus einer Auswahl alternativer Stadtmagazine, Organen der Frauen- und Schwulenbewegung sowie Schülerzeitungen bis hin zum ein oder anderen Bestseller, der in linken Buchhandlungen auslag. Hinzu kommen ein paar Schuber aus einschlägigen Bewegungsarchiven und Gespräche mit drei ehemaligen Berliner Hausbesetzern. Diese Auswahl wird nicht diskutiert und man vermisst einschlägige, langlebige und weit verbreitete Player im Feld der „Gegenöffentlichkeit“, z.B. die konkret, die links oder den Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID), nicht der Vollständigkeit halber, sondern weil sich der Verdacht aufdrängt, dass diese Periodika für Häberlens Kernthese, das zentrale politische Projekt der alternativen Linken sei „a struggle for feelings against the powers of rationality“ gewesen, weniger hergegeben hätten (pp. 4–5).

Der Hauptteil des Buches fragt gezielt nicht nach einer zeitlichen Dynamik, auch liegt der Ausgangspunkt der Untersuchung nicht um „1968“, wie es der im Titel angegebene Zeitrahmen vermuten ließe. Das erste Kapitel „Wholeness and Exuberance“ führt auf der Suche nach einer Tradition der Rationalitätskritik, an die die alternative Linke habe anknüpfen können, bis zur Lebensreform- und Jugendbewegung um 1900 zurück. Daran knüpft eine „Genealogie“, die über freudianische Marxisten wie Otto Gross oder Herbert Marcuse, die Halbstarken der 1950er Jahre, Beatniks und Situationisten zurück zu den hypothetischen Bücherregalen der „alternativen Linken“ führt, die sich Häberlen anhand des Rezensionskompendiums Ulcus Molle zusammenstellt—letzteres ein der Undergroundliteratur verschriebener Ein-Mann-Betrieb.

In Ulcus Molle erschien eine Besprechung von Wolfgang (im Text Lutz) Seilers 1980 veröffentlichter Dissertation „Grenzüberschreitungen: Zur Sprache des Wahnsinns“.[4] die als Aufhänger für das zweite Kapitel „Feelings against Reason“ fungiert. Seilers Analyse literarischer Produkte schizophrener Autoren macht Häberlen zum Indiz der „political imagination of the alternative left“. Deren imaginierte politische Landkarte sei durch den „conflict between the dominating forces of rationality, and everything that remaind beyond“ charakterisiert, woraus sich auch das Interesse von Linken an Wahnsinn und Drogen ableite (p. 78). Weitere Belege für die Annahme, dass Irrationalität in der Innensicht der Akteure als subversive Ressource einer Politik der ersten Person dienen konnte, liefern lyrische Verbrüderungsphantasien mit marginalisierten Gruppen und Texte von Autoren, die den New Agism für sich entdeckten. Die in den 1970er Jahren aus der Linken heraus entwickelte (auch praktische) Kritik an der Inhumanität der zeitgenössischen Psychiatrie kommt dagegen nicht vor.

Das dritte Kapitel „The Emotional Misery of Capitalism” beschreibt linke Analysen, die sich mit den Auswirkungen des Kapitalismus auf die Formung von Emotionen befassen. Häberlen betont die Produktivität dieser Analysen, weil sie „emotionales Wissen“ und damit wiederum ein emotionales Regime ausbildeten (p. 125). Im Mittelpunkt linker Diskurse habe vor allem die „Angst“ gestanden, die alle anderen Gefühle beeinflusste, weniger vor Repression und anderen existentiellen Bedrohungen als vor Leistungsdruck in Schule und Studium, in Form von Verlustangst in sozialen Beziehungen, als Angst, über Gefühle und Sexualität zu sprechen, und vor der Einsamkeit des modernen Stadtlebens (p. 127).

Dieser Misere begegneten Häberlens Akteure durch eine Vielfalt emotionaler und körperlicher Experimente (Kapitel 4), „to yield the feelings leftists missed under capitalism“ (p. 166). Frauen- und Männer-, Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen, kollektive Lebensformen und Festivitäten versprachen ein Erleben von Intimität und Intensität verbunden mit der Hoffnung einer „personal self-transformation“, der Überwindung von Angst und sexuellen Normen. Zwar blieben diese hohen Erwartungen oft unerfüllt, dennoch spricht der Autor diesen Bemühungen eine besondere Qualität zu: „producing feelings of bodily intensity was inherently subversive“ (p. 194). Insbesondere habe sich diese Intensität durch „riots“ als „moment of emotional rupture“ generieren lassen (p. 211).

Das letzte Kapitel behandelt die „urbane Revolte“ 1980/81, die oft als Jugend- und Hausbesetzerbewegung beschrieben wird, als Auflösungsprodukt und somit Radikalisierungsprodukt der alternativen Linken (p. 223). Diese habe die Arbeit an der persönlichen Entwicklung und gesellschaftlichen Veränderung zugunsten einer „Politik des Kreierens intensiver Momente“ eingestellt (p. 224). Die Ästhetik autonomer Magazine und die Praxis des Hausbesetzens werden in den Dienst einer Sehnsuchtnach Intensität gestellt, die vornehmlich Gefühle des Überschwangs produzieren sollte. Diese Funktion kam nach Häberlein insbesondere den gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei zu. Die Aktivisten „celebratet“ violence, „militant actions“ oder „rioting“, um unerwünschte Gefühle der Angst, Isolation und Ohnmacht zu überwinden (pp. 211, 250, 253). Ob dies auch die Antriebskraft für den 18jährigen Klaus-Jürgen Rattay war, der bei einer Demonstration auf der Flucht vor der Polizei an den Folgen einer Kollision mit einem Bus starb, läßt sich freilich nicht feststellen.

Der Verdienst der Arbeit liegt auf zwei Ebenen: Der Autor hat sich einer mühseligen Blütenlese unterzogen und ist vor dem Blick in die intellektuellen Abgründe des von ihm untersuchten Milieus, die sich zuweilen auftaten, nicht zurückgeschreckt. Auch die innerlinke Kritik, für Häberlen die einer Minderheit, an dem beschriebenen zeitgenössischen Trend der emotionalen Nabelschau als Entpolitisierung und Ritualisierung wird vorgestellt. Seinem Gegenstand, den er als innovatives Experimentierfeld begreift, nähert sich Häberlen mit Empathie. Letztlich geht es ihm darum, die authentische Suche nach dem Selbst gegen Interpretationen zu verteidigen, die im Alternativmilieu eine Vorreiterbewegung des Neoliberalismus sehen.

Die Hauptschwäche der Studie liegt in der systematischen Reduktion auf zwei sich in den Quellen spiegelnde Bedürfnisse, die Sehnsucht nach Intimität und Intensität, was Fragen nach den Kontexten der Vielfalt politischer, sozialer, ökologischer, internationalistischer und geschlechterpolitischer Anliegen konsequent ausblendet, die von sozialen Bewegungen und in ihnen von alten, neuen und eben auch alternativen Linken in den langen 1970er Jahren aufgegriffen wurden. Motive, Ideen, theoretische Aneignungen, aber auch die Projekte, Strömungen, und Ereignisse als solche und wie sich all das zueinander und zu den Emotionen verhält, scheinen den Autor nicht zu interessieren. Insofern bleibt auch die Auseinandersetzung mit den methodischen Zugängen anderer Autoren auf dem Gebiet einer Kulturgeschichte des alternativen Milieus oberflächlich und wird deren breiter angelegten Arbeiten nicht gerecht. Da wird Detlef Siegfried ein Narrativ normativer Demokratisierung und Stefan Hemler ökonomischer Reduktionismus unterstellt. Unter Bezugnahme auf Timothy Brown wird konstatiert, die Vorstellung von alternativer Politik als Kampf für partizipatorische Demokratie und radikale Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen verfehle „den entscheidenden Wandel im linken Denken über Macht und Herausforderungen an die Macht“ (p. 121). Sven Reichardt wird zum „Foucaultianer“, auch wenn Häberlens eigene Analyse über dessen Begriffe „Authentizität und Gemeinschaft“ letztlich kaum hinauskommt. Die Frage, ob sich Linkssein auf Emotionen reduzieren lässt, und wie sich dies zu anderen Forschungsansätzen verhält, bleibt offen.

Insofern verwundert es auch nicht, dass auf Kontextualisierung und Multiperspektivität der Quellen weitgehend verzichtet wird. Das Mäandern zwischen radikaler Linken, alternativem Milieu, Subkulturen und Psychoscene lässt detaillierte Verortung vermissen. Auflagenhöhen oder Verkaufszahlen als Indikatoren für die Relevanz der herangezogenen Medien, Hintergründe zu Redaktionsgruppen und Autoren, eine Erläuterung der vielfältigen Gegenöffentlichkeitskonzepte oder Zuordnungen der Texte zu literarischen und journalistischen Genres bleiben sämtlich Fehlanzeige. Schaut man auf das Datum der zitierten Quellen in den Kapiteln 2 bis 4 wird deutlich, dass sich die Quellenauswahl stark auf die zweite Hälfte der 1970er Jahre konzentriert. Wäre der angegebene Zeitraum gleichgewichtiger in den Blick genommen worden, hätte sich wahrscheinlich ein facettenreicheres Bild ergeben. Dies hätte Aufschlüsse erlaubt, wie Linke das Auf und Ab der Bewegungen seit „1968“ und den tiefgreifenden Einschnitt des „Deutschen Herbstes“ 1977 in den „years of despair“ (della Porta) verarbeitet haben; ob sie dem Verfolgungs- und Dissoziationsdruck in die „Neue Innerlichkeit“ entflohen oder sich auf der Suche nach mehr Autonomie einem Rückzug aus dem Politischen entgegenstellten. Hier sei nur ein Beispiel erwähnt: Als Aufhänger für die Lebensreform-Rezeption der „alternativen Linken“ führt Häberlen die Einladung einer schwäbischen Landkommune zu einem Happening am Monte Verita in Ascona an, die im Mai 1978 im BUG Info veröffentlicht wurde. Dass sich die Redaktion der ursprünglich Info BUG heißenden Zeitschrift zu diesem Zeitpunkt als Folge von Verbot und Strafverfolgung ihrer Redakteure im Kontext der „Terroristen“-Jagd gespalten hatte und ein Teil illegalisiert unter dem alten Namen weitermachte, weil man auf Politisches eben nicht verzichten wollte, erfährt man bei Häberlen nicht. Allzu großen Stellenwert nehmen zudem Schriften ehemals linken Projekten verbundener Autoren ein, die sich früh vom Marxismus verabschiedet haben und weit ins Esoterische abgedriftet sind, wie das 1972 erschienene Buch von Dieter Duhm Angst im Kapitalismus oder die Abrechnung des Trikont-Verlagsmitbegründer Herbert Röttgen Vulkantänze—linke und alternative Ausgänge. Ob sich Häberlens Thesen zur Emotionsgeschichte der Linken halten ließen, nähme man Schriften derjenigen hinzu, die sich später in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands oder auch bei den Grünen wiederfanden, wäre zu überprüfen. Eine sozial verankerte Emotionsgeschichte der Linken, die die Kontexte von Hoffnung, Vertrauen, Solidarität, Mut, aber auch von Erschütterung, Wut, Hass, Resignation und Verzweiflung berücksichtigt, steht also weiterhin aus.

Notes

[1]. Sven Reichardt, and Detlef Siegfried, eds. Das Alternative Milieu: Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968-1983 (Göttingen: Wallstein, 2010); Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft (Berlin: Suhrkamp, 2014); and Cordia Baumann, Sebastian Gehrig, and Nicolas Büchse, eds., Linksalternative Milieus und Neue Soziale Bewegungen in den 1970er Jahren (Heidelberg: Winter, 2011). Siehe auch Sebastian Kasper, Spontis: Eine Geschichte antiautoritärer Linker im roten Jahrzehnt (Münster: Unrast, 2019).

[2]. Maik Tändler, Das therapeutische Jahrzehnt: Der Psychoboom in den siebziger Jahren (Göttingen: Wallstein, 2016).

[3]. Vgl. etwa die Arbeiten von Ulrich Bröckling, Timothy Scott Brown, Belinda Davis, Pascal Eitler, Jens Elberfeld, Dagmar Herzog, Andreas Reckwitz oder Detlef Siegfried.

[4]. Wolfgang Seiler, „Grenzüberschreitungen: Zur Sprache des Wahnsinns“ (Gießen: Focus, 1980).

Citation: Freia Anders. Review of Häberlen, Joachim C., The Emotional Politics of the Alternative Left: West Germany, 1968-1984. H-German, H-Net Reviews. November, 2021. URL: https://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=56159

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