Kemper on Hansen, 'Abschied vom Kalten Krieg?: Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977–1987)'

Author: 
Jan Hansen
Reviewer: 
Claudia Kemper

Jan Hansen. Abschied vom Kalten Krieg?: Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977–1987). Berlin: de Gruyter Oldenbourg, 2016. viii + 289 pp. $35.00 (paper), ISBN 978-3-11-044684-5.

Reviewed by Claudia Kemper (Hamburger Institut für Sozialforschung)
Published on H-German (October, 2017)
Commissioned by Jeremy DeWaal

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Vom Kalten Krieg wird immer noch etwas verkürzt gesprochen, wenn die Epoche zwischen 1945 und 1989/90 beschrieben werden soll, obowhl längst die Konjunkturen bekannt sind, die diese Epoche mal mehr mal weniger anspannten und entspannten. Der „Kalte Krieg“ ist eine starke Metapher, die nach 1945 in verschiedenen politischen Auseinandersetzungen des Ost-West-Konflikts eingesetzt wurde, um eigene Positionen, aber vor allem die Position des Gegners und Feindes zu bestimmen. Noch heute schafft der Begriff Ordnung, stellt er doch vermeintlich klar, welche internationalen Bündnisse konkurrieren und mit welchen Methoden sie agieren. Der Begriff Kalte Krieg dürfte sich wohl auch deshalb nachhaltig in die politisch Logik eingeprägt haben, weil sein simples Ordnungssystem eine binäre Sichtweise auf die Welt anbietet, mit der sich internationale Verflechtungen, politische Gemengelagen und gesellschaftliche Verwerfungen auf erholsame Weise dichotomisch ordnen lassen. Jan Hansen geht in seiner Dissertation, die nun als Monographie vorliegt, von dieser Annahme aus und stellt zur Debatte, dass sich die Überzeugungskraft dieser politischen Welteinteilung nicht erst 1989/90 mit dem Fall der Mauer überholt hatte, sondern spätestens ab Beginn der 1980er Jahre und im Zuge des Grundsatzkonfliktes über eine angemessene Sicherheitspolitik zu transformieren begann.

Um diese These zu veranschaulichen, steht die westdeutsche SPD und das sozialdemokratische Milieu im Mittelpunkt seiner Untersuchung, an deren inneren Konflikten und öffentlichen Debatten über den NATO-Doppelbeschluss von 1979 Hansen die Infragestellung und schließlich Diskreditierung der Kalten-Kriegs-Logik nachvollzieht. Mit guter Begründung wählt Hansen die SPD, um seine These zu diskutieren, denn in keiner anderen westlichen Partei wurde die Frage, ob in Europa neue atomare Mittelstreckenraketen stationiert werden sollen, falls die diplomatischen Verhandlungen mit der Sowjetunion scheitern, mit so viel innerer Spaltung diskutiert. Innerhalb der Sozialdemokratie fanden sämtliche kontroverse Positionen zusammen, die auch in der breiten Bevölkerung vertreten waren. Welche Haltung die traditionelle „Friedenspartei“  einnehmen solle führte letztlich zu der historisch paradoxen Situation, dass die Partei, dessen Vorsitzender Helmut Schmidt den Nato-Doppelbeschluss als Bundeskanzler maßgeblich mitbestimmt hatte, nur wenige Jahre später diesen mehrheitlich ablehnte. Hansen geht davon aus, dass die Kontroverse der Partei „ein Miniaturbild des gesamtgesellschaftlichen Konflikts“ bietet (S. 5) und dieses umso anschaulicher ist, weil das Weltbild der SPD die längste Zeit nach 1945 am Kalten Krieg ausgerichtet war, also an einem internationalen Ordnungsmodell, das zwischen totalitären und demokratischen Staaten unterschied und dem technologischen Fortschritt eine wichtige politische Rolle zuwies. Ab Ende der 1970er Jahre kam in Westdeutschland wie in anderen Industrieländern nicht nur dieses Weltbild ins Wanken, sondern auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Gewissheiten.

Nun ließe sich Hansens knapp 290 Seiten starke Monographie gemäß dem Haupttitel „Abschied vom Kalten Krieg?“ allein nach dieser Analyse wiedergeben. Tatsächlich erzählt er aber mindestens zwei Geschichten, von der die zweite im Untertitel „Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit“ angedeutet wird. Auf Mikroebene geht Hansen nicht nur der Umdeutung der atomaren Blockkonfrontation nach, sondern auch dem anderen Grundsatzkonflikt, der die 1980er prägte und den Wandel des Politischen betraf. Denn die Politisierung weiter Teile der Bevölkerung, Massenproteste und Zukunftsängste veränderten Protestinhalte und -formen, zivilgesellschaftliche Organisationsformen und auch den Status von Parteien und ihre innere Meinungsfindung. Die SPD, die sich innerhalb von zehn Jahren mit den verschiedenen Aspekten des Nachrüstungsstreites auseinandersetzen musste, steht paradigmatisch für diesen Wandel.

Hansen orientiert sich am Ansatz der politischen Kulturgeschichte, um sich seinem Gegenstand zu nähern, indem er ritualisierte Handlungen wie Parteitage, Reden, Proteste oder öffentlich wahrgenommene Treffen als Praktiken interpretiert, die politischen Sinn und Legitimation erzeugen. Gleich zu Beginn geht er etwa auf die performative Dimension der beiden SPD-Parteitage von 1979 und 1983 ein (S. 13-14), auf denen nach festgeschriebener Prozedur je ein Leitantrag verabschiedet wurde. Während 1979 noch knapp 90 Prozent der Delegierten für den Doppelbeschluss stimmten, opponierte vier Jahre später ein fast ebenso großer Anteil gegen seine Durchführung und damit gegen ein zentrales Projekt des eigenen Vorsitzenden. Hansen interessiert nicht nur, was in der Zwischenzeit geschehen war, sondern welche Bedeutung diese inkongruente Sinnerzeugung sowohl für die SPD hatte als auch für die in der Bundesrepublik diskutierte Sicherheitspolitik insgesamt.

Auch ohne einen expliziten Hinweis des Autoren lässt sich dies par excellence als eine problemorientierte Vorgeschichte der (sozialdemokratischen) Gegenwart lesen. Da werden zunächst die Strömungen innerhalb der Partei deutlich, die von den Jusos, der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen über christliche Zirkel bis zu den Landesverbänden und Ortsgruppen reichten. Der von den Jusos 1980 veröffentlichte Bielefelder Appell, der sich gegen die NATO-Strategie wandte und von 5.000 Parteimitgliedern unterschrieben wurde, markierte den sicht- und fühlbaren Startpunkt der parteiinternen Auseinandersetzung und zugleich das ambivalente Verhältnis zwischen „Basis“ und „Führung“ der Partei, die wie kaum eine andere auf ein tradiertes historisches Bewegungsgedächtnis zurückgreifen kann. Daneben wird die SPD auch innerhalb der europäischen Sozialdemokratie verortet, insbesondere in ihrem Verhältnis zur französischen Partie Socialiste (PSF), die in Fragen der Sicherheitspolitik irritiert war vom SPD-Kurs, aber europapolitisch in vielem übereinstimmte. Wer mag kann auch in den auf mehreren Ebenen stattfindenden Kontakten zwischen SPD und US-amerikanischer Regierung und Opposition historische Hinweise finden für das weiterhin komplizierte Verhältnis der westdeutschen Sozialdemokratie zum Bündnispartner. Der bis 1982 amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt inszenierte sich, trotz der relativen Übereinstimmung in strategischen Fragen, in einem alternativen Führungsstil wenn er sich mit US-Politikern auseinanderzusetzen hatte. In den Kapiteln „Performative Diplomatie“ und „Praxis des Protest“ zeichnet Hansen zunächst solche Inszenierungsstrategien und -prozesse auf diplomatischer und internationaler Bühne nach, um anschließend Vernetzungen jenseits der etablierten Parteiroutinen etwa mit US-amerikanischen Friedensaktivisten aufzuzeigen. Vor dem Hintergrund der in den 1980er Jahren dominierenden Themen und Diskussion kann Hansen plausibel darlegen, dass die SPD in dieser Phase einen deutlichen Erosionsschub erfuhr, an dessen Dynamik sie selbst mitgewirkt hatte. Zugleich stellte die Sozialdemokratie einen zentralen Indikator und Katalysator gesellschaftlicher Transformation dar.

Kritisieren lassen sich die mitunter sprachlich allzu vereinfachende Synthesen, die wenig Aussage bieten, wie etwa die SPD sei „Produkt und Abbild soziokultureller Transformationsprozesse“ (S. 28), oder unlogisch sind. Davon lässt sich aber absehen, denn die Arbeit bietet weit mehr als einen Beitrag zur Debatte, wie die politische Ordnung des Kalten Krieges in den 1980er Jahren erodierte. Denn indem Hansen zahlreiche parteiinternen Debatten rekonstruiert und einordnet– angefangen bei Sicherheitskonzepten über Europapolitik bis zum Ideenhaushalt des „Westens“ – kann er die SPD als Teil einer politischen Fragmentierung einordnen, die uns bis in die Gegenwart beschäftigt.

Citation: Claudia Kemper. Review of Hansen, Jan, Abschied vom Kalten Krieg?: Die Sozialdemokraten und der Nachrüstungsstreit (1977–1987). H-German, H-Net Reviews. October, 2017.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=50124

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