Karcher on Breuer, 'Die Nordische Bewegung in der Weimarer Republik'

Author: 
Stefan Breuer
Reviewer: 
Nicola Karcher

Stefan Breuer. Die Nordische Bewegung in der Weimarer Republik. Wiesbaden: Harrassowitz, 2018. 270 pp. $68.00 (paper), ISBN 978-3-447-11019-8.

Reviewed by Nicola Karcher (Østfold University College) Published on H-German (January, 2020) Commissioned by Jeremy DeWaal

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Stefan Breuer hat eine weitere, detailreiche Studie zum rechtsgerichteten Milieu in Deutschland in der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg vorgelegt, die sich nicht nur intensiv mit dem Einfluss der „Nordischen“ auf den Nationalsozialismus beschäftigt, sondern bis zu deren geistigen Anfängen im 18. Jahrhundert zurückgeht und zugleich ihre Stellung im völkischen Spektrum diskutiert.

Anhand zahlreicher Quellen und umfangreicher Literatur rekonstruiert Breuer die Grundlegung des Nordischen Gedankens und der darauf basierenden Nordischen Bewegung sowie deren Wirkungsgeschichte. Auch wenn der Schwerpunkt der Arbeit auf der Zeit der Weimarer Republik liegt, widmet er sich in zweien der fünf Hauptkapitel ausführlich der Herleitung des Nordischen Gedankens aus der, wie er es nennt, „Idolatrie des Nordens“, und dessen schrittweisen, machtpolitischen Marginalisierung im NS-Regime.

Als ausgewiesenen Kenner des Rechtsradikalismus- und Extremismus vom Deutschen Kaiserreichs bis hin zum Nationalsozialismus gelingt es ihm, die Nordische Bewegung, deren wichtigste Ideologen und Positionierung innerhalb und zur Völkischen Bewegung zu verorten. Damit gelingt es ihm, eine gebündelte und erkenntnisreiche Gesamtstudie zur Nordischen Bewegung vorzulegen.

Näher zu diskutieren wäre allerdings, in welchem Umfang „die Grenzen zwischen völkischer und nordischer Bewegung keineswegs so fließend waren“, wie von Breuer herausgestellt (S. 165). Als zentralen Faktor nennt er in diesem Zusammenhang den Antisemitismus, der für die Nordischen weitaus weniger richtungsweisend gewesen sei als für die Völkischen.

Tatsächlich war das Alleinstellungsmerkmal der „nordischen Rasse“ als der vermeintlich höchstwertigen und einzig wahren Kultur-schaffenden das herausstehende Charakteristikum des Nordischen Gedankens. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, die – wie Breuer hervorhebt – Inkompatibilität des Nordischen Gedankens mit dem Nationalstaat. Sich dessen durchaus bewusst, habe daher der „Chefideologe“ des Nordischen Gedankens, Hans F.K. Günther, nicht nur das Vaterlandsemfinden der nordischen Rasse betont, sondern die Notwendigkeit einer nationalistischen Ausrichtung seiner Ideologie zur Gewährleistung der „Wiedervernordung“. Gleichzeitig macht Breuer zu Recht deutlich, dass „die Inkonsequenz“ dieser Aussagen bereits Günthers Zeitgenossen und Kritikern nicht verborgen blieb (S. 70). Gerade die enge Verknüpfung von Günthers Nordischen Gedanken mit Rassenzüchtungsprogrammen zur langfristigen Wiederherstellung der Nordischen Rasse konnte keine Rücksicht auf nationalstaatliche Grenzen nehmen. Dies machten insbesondere seine Affinität zu den skandinavischen Ländern und seine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dortigen Rassenforschern deutlich. 

Während Breuer zunächst einen detaillierten Einblick in die geistigen Ursprünge und Entwicklung der Nordenschwärmerei in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg gibt, rekonstruiert er im weiteren Verlauf seiner Studie die Grundlegung des Nordischen Gedankens und die darauf basierende Herauskristallisierung der Nordischen Bewegung in der Zwischenkriegszeit. Neben dem Germanisten und Sprachwissenschaftler Hans F.K. Günther spielte vor allem der ebenfalls aus Freiburg stammende Philosoph, Psychologe und Philologe Ludwig Ferdinand Clauß eine herausragende Rolle bei der Entwicklung des Nordischen Gedankens. In diesem Zusammenhang gibt Breuer eine Übersicht über die Sozialgeschichte Freiburgs und deren völkisch-nationalistisches Milieu. Damit wird die Grundlegung des Nordischen Gedankens auch anhand der Herkunft seiner beiden wichtigsten Ideologen dargestellt. Während Günther sich in seinen Untersuchungen zur nordischen Rasse im Wesentlichen an der Rassenbiologie orientierte, richtete Clauß sein Augenmerk auf deren seelische Ausprägungen. Insbesondere Günthers Rassenzüchtungsvorstellungen kamen in der führenden Organisation der Nordischen Bewegung, dem 1926 gegründeten Nordischen Ring, zum Tragen und machten seine Ideen ab 1930 interessant für Heinrich Himmlers SS als vermeintliche Eliteorganisation. Zuvor hatte seine Rassenlehre bereits Widerhall gefunden im deutschen Adel, der folglich auch überdurchschnittlich stark repräsentiert war im Nordischen Ring und als wichtiger Träger der Nordischen Rasse galt. Dabei wurde übersehen, dass Günthers und vor allem Richard Walther Darrés, ab 1931 Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS, Vorstellung von der Züchtung eines nordischen „Neuadels“ aus dem Bauerntum dazu im Widerspruch stand.

Darüber hinaus betont Breuer, dass sich die Durchschlagskraft der Nordischen Bewegung weiteraus weniger an ihrer Anhängerschaft, sondern vielmehr ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre an ihren Netzwerken manifestierte – hier sind auch die Verbindungen zu führenden NSDAP-Mitgliedern wie Wilhelm Frick, seit 1930 Thüringischer Innenminister, zu nennen. Zugleich arbeitet Breuer heraus, dass der Nordische Gedanke als zentrale Ideologie der Nordischen Bewegung alles andere unumstritten war. Kritik kam vor allem von Seiten völkischer Nationalisten, die den Nordischen Gedanken – zu Recht – als übernational und damit als Bedrohung empfanden.

Für den machtpolitischen Einfluss des Nordischen Gedankens und damit mittelfristig auch für den Nordischen Ring entscheidend war seit 1927 die Verbindung Günthers zu Darré, der wiederum Himmler mit dem Nordischen Gedanken vertraut machte. Dadurch erlangten Günthers und auch Darré Ideen zentralen Einfluss auf die SS und prägten Himmlers Vorstellungen von einem großgermanischen Reich maßgeblich. Im letzten Hauptkapitel rekonstruiert Breuer nicht nur die Eroberung der SS durch den Nordischen Gedanken, sondern zugleich die schrittweise Marginalisierung der Nordischen Bewegung seit Beginn der 1930er Jahre, die parallel zum ideologischen Durchbruch des Nordischen Gedankens verlief. Trotz oder gerade wegen des Einflusses des Nordischen Gedankens entging die Nordische Bewegung – namentlich ihr Hauptträger der Nordische Ring – nicht der Gleichschaltung durch das NS-Regime. 

Auch wenn eine stärkere Verknüpfung der Hauptkapitel zu einer größeren Kontextualisierung beigetragen hätte – in seiner vorliegenden Form erscheint Breuers Arbeit eher als Artikelsammlung – legt er mit Die Nordische Bewegung in der Weimarer Bewegung ein Standardwerk zu deren Aufstieg und Fall in Deutschland vor. Dahingegen steht eine Gesamtstudie zu den Netzwerken der Nordischen Bewegung in Skandinavien nach wie vor aus. Diese könnte Aufschluss darüber geben, in welchem Umfang gleichgesinnte skandinavische Kreise mit der Ideenwelt der Nordischen Bewegung sympathisierten, diese ideologisch inspirierten, aktiv förderten und versuchten, zum Durchbruch zu verhelfen.

 

 

Citation: Nicola Karcher. Review of Breuer, Stefan, Die Nordische Bewegung in der Weimarer Republik. H-German, H-Net Reviews. January, 2020. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=54899

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