Raasch on Houlihan, 'Catholicism and the Great War: Religion and Everyday Life in Germany and Austria-Hungary, 1914–1922'

Author: 
Patrick J. Houlihan
Reviewer: 
Markus Raasch

Patrick J. Houlihan. Catholicism and the Great War: Religion and Everyday Life in Germany and Austria-Hungary, 1914–1922. Studies in the Social and Cultural History of Modern Warfare Series. Cambridge: Cambridge University Press, 2015. 287 pp. $102.00 (cloth), ISBN 978-1-107-03514-0.

Reviewed by Markus Raasch (Johannes Gutenberg-Universität, Mainz)
Published on H-German (April, 2017)
Commissioned by Jeremy DeWaal

Die Gesellschaftsgeschichte des Ersten Weltkrieges ist intensiv beforscht worden, wovon nicht zuletzt eine Vielzahl an Studien zu den Lebens- und Erfahrungswelten von Soldaten, Arbeitern, Frauen oder Kindern zeugen. Auch die Rolle der Religion hat reges Interesse gefunden, wobei zwei Sachverhalte auffallen: Für den Katholizismus dominieren zum einen unverändert Arbeiten, die eine top-down-Perspektive einnehmen und das Handeln des Episkopats sowie der Militärbehörden fokussieren. Zum anderen wählen die breiter angelegten Arbeiten – alltagshistorisch sensibel argumentieren etwa die Monografien von Annette Becker (War and Faith: The Religious Imagination in France, 1914-1930. Oxford: Berg, 1998), Jonathan H. Ebel (Faith in the Fight: Religion and the American Soldier in the Great War [2010]) oder Michael Snape (God and the British Soldier: Religion and the British Army in the First and Second World War [2005]) – für gewöhnlich einen nationalstaatlichen Zugriff (eine wichtige Ausnahme bildet z.B. die Studie von Richard Schweitzer zu Glauben und Zweifel unter britischen und amerikanischen Soldaten: The Cross and the Trenches: Religious Faith and Doubts among British and American Great War Soldiers [2003]). Hier möchte Patrick J. Houlihan ansetzen. Er sieht sich dem Trend der Weltkriegshistoriografie verpflichtet und möchte den Zusammenhang von katholischer Religion und Kriegsalltag mit einer transnational ausgerichteten Arbeit beleuchten. Als Sonde sollen die Mittelmächte fungieren: Im Blickpunkt stehen die ländlichen Regionen Österreich-Ungarns und die katholischen Milieus (Süd-)Deutschlands. Houlihan, der sein Quellenmaterial u.a. in 17 Archiven zusammengetragen hat, geht in sieben Schritten vor: Zunächst werden die katholischen Lebenswelten der Vorkriegszeit konturiert, sodann geht es um Kriegstheologie, Militärseelsorge, religiöse Praxis – der Soldaten einer-, von Frauen und Kindern an der „Heimatfront“ andererseits – sowie das Agieren der Kurie. Zuletzt wird die Nachkriegszeit, d.h. vornehmlich das Themenfeld Erinnerung und Trauer, in Augenschein genommen.

In Anlehnung an Philipp Jenkins Studie The Great and Holy War („Religion is essential to understanding the war, to understanding why people went to war, what they hoped to achieve through, and why they stayed at war“ [S. 5]) argumentiert Houlihan konsequent wider eine vermeintliche Meistererzählung, nach welcher der Erste Weltkrieg traditionelle Werte und Überzeugungen in dramatischer Weise erschüttert und damit der Säkularisierung wesentlichen Vorschub geleistet habe. Er macht deutlich, dass die untersuchten Katholiken stark von lokalen Traditionen geprägt waren und dem Ausbruch des Krieges in hohem Maße mit Ernst und Sorge begegneten. Der „Eigensinn“ katholischer Kriegstheologie erscheint ihm unzweifelhaft: Die Verpflichtung galt der Idee des gerechten Krieges und anders als evangelische Theologen sprachen katholische Geistliche dem Weltkrieg nur bedingt einen Zäsurcharakter zu. Stattdessen akzentuierten sie mit Blick auf die lange Geschichte ihrer Kirche vor allem Erfahrungskontinuitäten. Die Kirchenführer huldigten coram publico bis zuletzt einem tendenziösen Kriegsnationalismus, zweifelten diesen privatim aber durchaus an. Ihr neothomistisches Weltbild half ihnen sodann nach 1918, die neuen politischen Gegebenheiten relativ schnell anzuerkennen. Militärgeistliche nahmen seit 1916 zunehmend von hurrapatriotischen Tönen Abstand, außerdem exponiert Houlihan ihre verhältnismäßig geringen Aktionsmöglichkeiten. Katholische Soldaten kennzeichnete augenscheinlich eine ebenso ausgeprägte wie mannigfaltige Frömmigkeitspraxis, die teilweise stark mit Ritualen ländlichen Volksglaubens kongruierte. Katholische Spiritualität – basierend auf Sakramentalität, Fürbitte und Mitleid – schien in besonderer Weise Identifikationsangebote im gesellschaftlichen Ausnahmezustand zu bieten. In der Heimat prägten in wachsendem Maße Frauen das teilweise unverändert, teilweise mehr denn je blühende katholische Leben – sei es innerhalb der Familie, auf Gemeindeebene, in den katholischen Verbänden oder als Mediatoren des Volksglaubens. Ihr relativ starker Konservativismus sorgte allerdings dafür, dass strukturelle Milieuveränderungen allenfalls einen Anfang nahmen. Benedikt XV. präsentiert Houlihan als außergewöhnliche Figur der Kirchengeschichte, die den Heiligen Stuhl durch sein Engagement für Kriegsopfer an die Grenzen seiner Finanzkraft brachte, sich trotz seiner Nähe zu autoritären Regimen nachdrücklich um Friedensvermittlung bemühte und das Papsttum zu einer Art übernationaler moralischer Instanz – indes mit klarem antikommunistischem Impetus – umformte. Schließlich stellt Houlihan heraus, dass der Katholizismus nach 1918 – zumal in den Nachfolgestaaten des Habsburger-Reiches, aber auch in der Weimarer Republik – im Hinblick auf Heiratsquoten, Zahl der Priesterweihen, Entwicklung der Vereine oder politische Einflussnahmen, keineswegs an Bedeutung einbüßte. Außerdem sorgten seine ideellen Konstituenten (u.a. ein stark mit dem Fürbittegedanken verbundener Reliquien- und Heiligenkult, ferner die hohe Bedeutung von Opfer, Schmerz und Pietà) und eine typischerweise lokal ausgerichtete Trauerkultur angeblich dafür, dass die Kriegsniederlage einfacher verarbeitet werden konnte. Perseveranz wahrten auch tiefgehende judenfeindliche Haltungen, was in der Sicht Houlihans ebenfalls das Interpretament von der glaubenserschütternden Wirkung des Ersten Weltkrieges konterkariert.

Die Stärke des Buches liegt in seiner konzisen Argumentation. Der Autor möchte eine (Gegen-)These entwickeln und leistet dies ebenso souverän wie zielgenau. Zudem nimmt sich der klare Aufbau nebst den kurzen Unterkapiteln sehr leserfreundlich aus – einige Wiederholungen und unpassende Überschriften tun dem keinen Abbruch. Houlihan liefert ein beeindruckendes Panorama katholischer Weltkriegsgeschichte, das durch seinen transnationalen Ansatz, die thematische Breite, die Alltagsperspektive und das Bemühen um Anschaulichkeit in durchaus überzeugender Weise für die Unzulässigkeit von Meisternarrativen sensibilisiert. Obschon der Autor nicht viel mehr im Sinne hat und sich offen zu seiner impressionistischen Beweisführung bekennt, sind die Perspektiven für künftige Forschungen klar zu benennen: Zunächst hätten die Ausführungen an Substanz gewonnen, wenn über zentrale Begriffe wie „Religiosität“, „Katholizismus“ oder „Kultur(geschichte)“ ausführlicher räsoniert worden wäre. Houlihan ignoriert sowohl die Pluralität des Protestantismus wie auch weitgehend den Umstand, dass es das katholische Milieu nicht gab und in der größeren Sicht allenfalls von unterschiedlichen Regionalmilieus (auch in Bayern) die Rede sein kann. Die „feinen Unterschiede“, d.h. z.B. soziale oder generationelle Differenzierungen, werden zumeist nicht, Entwicklungen während des Krieges nicht durchgehend beachtet. In der Folge springen immer wieder kaum haltbare Pauschalisierungen ins Auge. So heißt es etwa „Catholics saw the outbreak of the war in decidedly pessimistic terms“ (S. 48), „religious women keenly noted how the war affected their lives“ (S. 71), „The Protestant view of the ultimate reliance on individual faith … meant that Protestant soldiers found less religious sanction for material objects that could help focus belief“ (S. 119), „As long as he survived, the religious soldier clung to hope“ (S. 125), „During the Great War, religious children experienced a newfound ability to act without parental or familial oversight“ (S. 161), oder „a transnational Catholic way of war helped Europe to grieve and mourn the devastation“ (S. 220). An etlichen Stellen geraten die Ausführungen sehr holzschnittartig, hätte man sich Vertiefungen und/oder Differenzierungen gewünscht. So wird beispielsweise die Bedeutung des Katholizismus in den Nachfolgestaaten des Habsburger-Reiches auf knapp vier Seiten abgehandelt. Kaum mehr sind den Kindern an der „Heimatfront“ vorbehalten, wobei sich Houlihan auf eine einzige Edition von Zeitzeugenberichten stützt. Die genauen Abläufe, die zur päpstlichen Friedensnote vom 1. August 1917, bleiben im Dunkeln. Der Autor verschweigt, dass über die vermeintliche Feminisierung des Katholizismus im 19. Jahrhundert durchaus kontrovers debattiert worden ist, die umfangreiche Literatur zur katholischen Judenfeindschaft wird nur sporadisch rezipiert. Überdies irritieren einige Lücken: Wenn zum Beispiel über den deutschen Katholizismus der Vorkriegszeit gesprochen wird, kommen wichtige Sachverhalte wie der Umgang mit der Sozialen Frage, das Verhältnis zur Nation oder die Bedeutung der Zentrumspartei allenfalls rudimentär zur Sprache. Steht das Habsburgerreich am Vorabend des Ersten Weltkrieges im Blickpunkt, dann hätte der Balkan zumindest Erwähnung finden können.

Die hohe Bedeutung der (katholischen) Religion im und nach dem Weltkrieg vermag Houlihan ebenso eindrucksvoll zu illustrieren wie die Spezifik der Gläubigen im Umgang mit dem Kriegsgeschehen, empirische Triftigkeit kann er jedoch nur bedingt für sich in Anspruch nehmen. Er verwendet viele Archivalien, legt aber weder die Systematik des Quellenzugriffs offen noch benennt er Kategorien, nach denen diese untersucht werden sollen. So entsteht immer wieder der Eindruck, dass vornehmlich einschlägige Literaturmeinungen zusammengefasst und mit passenden Quellenbelegen bebildert werden. Wiederholt setzt der Autor Einzelfälle pars pro toto. Wichtige Phänomene (von der Bedeutung bestimmter Heiliger bis zum Marienkult) werden beschrieben, in vielen Fällen kann aber ihre konkrete Rezeption und Wirkung nicht mit Quellenmaterial belegt werden und die Darstellung erhält stark enumerativen Charakter („Saint Jude, the patron saint of hopeless causes, was another key figure“ [S. 139]; „Of special importance in a conflict in which so many were killed by artillery … was another prominent female saint, Saint Barbara“ [S. 228]). Ergebnisoffen ist die Argumentation zu keinem Zeitpunkt. Indizien für Desillusionierungstendenzen (z.B. massiver Rückgang der Kommunionszahlen unter Soldaten [S. 102]) werden zwar angesprochen, aber nicht weiter reflektiert. Es ist völlig legitim, dass Houlihan keine „quantitatively grounded social schientific history of religion“ schreiben möchte (S. 15), gleichwohl wären mehr Zahlen (Gottesdienstbesuch, Kommunionen etc.) zu verschiedenen Regionen und Städten im Verlauf des Krieges hilfreich gewesen. Dass der Autor sinkende Scheidungsraten als Beleg für florierende Religiosität im Krieg benennt, irritiert nicht minder als der Umstand, dass er dabei ausgerechnet mit Angaben zum „säkularen“ Berlin aufwartet (S. 166). Dass das Spektrum an Glaubenszweifeln ebenso mannigfaltig sein konnte wie das Feld religiöser Praktiken, spielte für die Argumentation keine Rolle.

Letzthin ist danach zu fragen, ob der Erkenntnisgewinn den von Houlihan betriebenen Aufwand rechtfertigt. Mithin haben etliche Studien die besondere Relevanz der Religion im Weltkrieg beschrieben (der Autor führt sie zumeist selbst an), eine eindimensionale Darstellung der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ als Säkularisierungskatalysator taugt längst nicht mehr als valide Interpretation.        

In der Gesamtschau liefert Houlihan eine wichtige Arbeit. Sie zeigt prägnant die verschiedenen kriegsbezogenen Aspekte katholisch bestimmter Lebenswelten auf und sensibilisiert für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Religion und modernem Krieg. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Wunsch von Houlihan erfüllt „that this book will stimulate other researchers to trek to the archives and add their findings about everyday religiosity, to see how these results complicate the picture of the war’s cultural legacy on a Pan-European level“ (S. 264).

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Citation: Markus Raasch. Review of Houlihan, Patrick J., Catholicism and the Great War: Religion and Everyday Life in Germany and Austria-Hungary, 1914–1922. H-German, H-Net Reviews. April, 2017.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=47329

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