CFP: Ökologische Vorstellungswelten der Gegenwart: Literatur und Umwelt (15.05.2020)

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Ökologische Vorstellungswelten der Gegenwart: Literatur und Umwelt

Internationales Kolloquium

Universität Gent – 7.-9. Dezember 2020

Die Umweltproblematik nimmt seit den 1980er Jahren einen immer größeren Raum in der zeitgenössischen Literatur ein. Während die Beziehung zwischen Mensch und Natur, von Theokrit bis Thoreau, in der westlichen Literatur immer eine entscheidende Rolle gespielt hat, ist ein tatsächliches ökologisches Bewusstsein, das die Gefahren, denen das Gleichgewicht der Biosphäre ausgesetzt ist, in den Blick nimmt, eine recht rezente Errungenschaft, die von der Literatur aufgenommen wurde, nachdem sie die Gesellschaft durchdrungen hatte. Die Idee einer neuen geologischen Epoche, dem Anthropozän, die von dem Einfluss menschlicher Handlung charakterisiert wird, verfestigt sich also einerseits fortschreitend im Bereich der literarischen Imagination. Andererseits konstituiert die Natur sich als eigenständige narrative Kraft und fungiert nicht länger nur als Spiegel der Emotionen des literarischen Subjekts. Aus diesem Blickwinkel schrieb Lawrence Buell, einer der Begründer der Ökokritik, dass ein ökologischer Text sich dadurch kennzeichnet, dass „die nicht-menschliche Umwelt darin auftritt und nicht nur die Szenerie ist, was suggeriert, dass die Menschheitsgeschichte in die Naturgeschichte eingebettet ist“ (Buell 1995). Hierin schlummert eine nicht-anthropozentrische Logik, die nicht länger das menschliche Interesse für das einzig legitime hält. Die ethische Dimension, die ein solcher Ansatz impliziert, setzt ihrerseits eine erneute Aufmerksamkeit mit Blick auf die Referentialität der Literatur voraus, und sogar für das Engagement der Schriftsteller, auch in Kontexten – wie dem Frankreichs – in denen in Nachkriegszeiten ein egozentrischer, formalistischer Experimentalismus zum Ausdruck kommt (Schoentjes, 2015).

Es ist das Ziel dieses Kolloquiums, sich über den Einfluss auszutauschen, den die ökologische Empfindsamkeit auf die literarische Imagination hat, und über die neuen Verbindungen, die diese mit dem, was wir in unseren individuellen und kollektiven Vorstellungen gemeinschaftlich als ‘die Natur’ und ‘die Umwelt’ bezeichnen, errichtet. Denn eine transnationale Kartographie des sich auf die Umwelt beziehenden Schreibens – und/oder der Ökofiktionen, um den engagiertesten Texten einen Namen zu geben –, die diese Charakteristiken und Zielsetzungen berücksichtigt, muss ja größtenteils erst noch erarbeitet werden. Alle literarischen Fiktionalisierungen (Roman, Novelle, Bericht) in französischer, englischer, deutscher oder italienischer Sprache können erforscht werden, in einer umfassenden Perspektive, die die Verbreitung der Werke miteinbezieht. Besondere Aufmerksamkeit, im Geiste eines ökopoetischen Ansatzes, wird sich auf das Studium der formalen Mittel richten, die benutzt werden, um diese Problematiken zum Ausdruck zu bringen und, in einem allgemeineren Sinne, auf die Erforschung der literarischen Besonderheit dieses Kulturtrends (Scaffai 2017).

In Ihren Beitragsvorschlägen beziehen Sie sich bitte auf die nachstehenden Forschungsachsen:

- die Imagination des Oikos: Die Darstellung der Verwurzelung an einem bestimmten Ort stellt eines der meisterforschten Elemente des ökokritischen Ansatzes dar, unter Berücksichtigung der grundlegenden Verbindung, auf die bereits die Etymologie hinweist, zwischen dem Haus als ausschlaggebender Situierung im Raum und der Gesamtheit der Natur, verstanden als kollektive Bleibe, bei Autoren und Autorinnen wie Mario Rigoni Stern, Marie-Hélène Lafon, Robert Seethaler. Wie stellen die Autorinnen und Autoren die Verbundenheit des Imaginären mit einem Ursprungsort dar und wie problematisieren sie diese Verbundenheit? Welchen Platz nimmt das Haus, in seiner Beziehung zu der es umgebenden Natur, innerhalb der zeitgenössischen Ökofiktion ein?

die Darstellung des Nicht-Menschlichen: Die zeitgenössische Literatur zeigt ein weiterhin wachsendes Interesse für die Darstellung des Nicht-Menschlichen, für das, was die konzeptuellen und perspektivischen Kategorien unserer Art übersteigt. Ein besonderes Interesse ist der Tierwelt gewidmet, zum Beispiel in den Texten von Isabel Sorente, Günter Grass, J.M. Coetzee, aber die Welt der Pflanzen und die Welt der Mineralien werden ebenfalls dargestellt, z.B. von Autoren wie Michael Stavarič und Pierre Gascar. Dies ist insofern eine große Herausforderung, als die Autorinnen und Autoren sich des logos bedienen, um jenen eine Stimme zu verleihen, die keine haben. Mithilfe welcher stilistischen, narrativen und konzeptionellen Mittel kann man sich also aus einem menschlichen Blickwinkel zurückziehen und das traditionelle mimetische Paradigma verlassen?

- die literarische Form der Ökologie: Ebenso relevant erscheinen uns Studien, die von einer Befragung der formalen Aspekte ausgehen, die die ökologische Erfahrung in fiktionalen Texten vermitteln. Wie gehen Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit einer Sprache um, die traditionell anthropozentrisch figuriert ist? Wie denken sie sie neu? Wie tragen Allegorie, Metapher, Metonymie, Synekdoche dazu bei, die zu starke Trennung zwischen Mensch und Natur neu auszurichten, um eine Vorstellungswelt des Hybriden und der Verbindung zu begründen?

- unterwegs in der Natur: Die zeitgenössischen ökologischen Erzählungen nehmen bereitwillig die Reiseberichte und einsamen Aufenthalte an unberührten Orten wieder auf, die die Tradition des nature writing, von Thoreau bis Edward Abbey, bilden. Während diese Erzählungen die Suche nach einer tieferen Verbindung mit der Natur beibehalten, überdenken sie häufig die Tradition und stellen männlich-autarke Voraussetzungen in Frage, um andere Elemente zu erforschen, so wie die Möglichkeiten eines neuen harmonischen Umgangs mit einer stärker vermenschlichten Umwelt (Gianni Celati) und die Besonderheiten weiblicher Erfahrungen sowie eines ökofeministischen Blicks (Aby Andrews, Claudie Hunzinger).

- das Erzählbarmachen wissenschaftlicher Erkenntnisse: Die Ökologie ist vor allem eine Wissenschaftsdisziplin, die sich mit den Interaktionen von Lebewesen in ihrer Umwelt beschäftigt – und erst in zweiter Instanz ist sie eine sozialpolitische Bewegung. Die Behandlung wissenschaftlicher Erkenntnisse in den literarischen Texten ist also ein grundlegender Aspekt, der in der Wissenschaft manchmal negiert wird, obwohl Autoren wie Richard Powers sie zum zentralen Elemente ihres Schreibens gemacht haben. Auf welche Art und Weise werden auf Wissenschaft basierte Informationen über das ökologische Risiko in der Literatur dargestellt, bewertet oder problematisiert? Wie wird die Wissenschaftssprache aus stilistischer und kognitiver Sicht in die literarischen Texte integriert? Welche wissenschaftlichen Grundannahmen und Disziplinen werden besonders gerne und häufig behandelt, und warum?

- die ökologischen Umbrüche und die Literatur des giftigen Ortes: Eines der grundlegenden Merkmale der neuen ökologischen Sensibilisierung in der Literatur ist ihre Tendenz die Verletzungen, die der Mensch der Umwelt zugefügt hat, zu zeigen. Dabei wird eine Darstellung der Natur, die sich ausschließlich auf der Idealisierung ihrer positiven Charaktereigenschaften und ihrer friedensstiftenden Kraft begründet, überschritten und verneint. Die post-apokalyptischen Erzählungen der Science-Fiction haben dieses Motiv ausführlich erkundet, aber auch die realistische Literatur hat sich seiner zunehmend bemächtigt. Die neuen Vorstellungswelten der chemischen Verseuchung, der Verschmutzung der Atmosphäre und der Meere, der Vermüllung und der Klimakrise haben ein internationales Niveau erreicht: man denke an Texte von Rick Bass, Guillaume Poix, Christa Wolf oder Roberto Saviano. Welche Figurentypen und Erzählarten, welche Darstellungen von Verbundenheit findet man in einer Literatur, die sich um Figurationen der Disharmonie und des Verlusts herum aufbaut?

- Ökologischer Aktivismus: Die Beschäftigung mit ökologischen Themen geht bezeichnenderweise einher mit einer Rückkehr literarischen Engagiertseins, vor dem man sich nach dem Ende des Kalten Krieges noch gehütet hatte. Die Dringlichkeit ökologischer Themen sowie ihre universelle Gültigkeit hat Werke hervorgebracht, die zu einer veränderten Vorstellungswelt gehören, die sich in eine Form des politischen Kampfes verwandelt hat, mit dem Ziel, die öffentliche Debatte zu beeinflussen (Jonathan Safran Foer, Camille Brunel, Wu Ming). Ein solcher Kampf kann auch mit anderen Formen sozialer Inanspruchnahme verschmelzen (Öko-Feminismus, postkoloniale Ökologie).

Welche Strategien setzen die Autorinnen und Autoren also ein, um politisch und sozial Einfluss nehmen zu können? Welches Literaturkonzept folgt daraus? In welcher Beziehung steht die Literatur zu militantem Aktionismus?

- Erzählungen des Globalen: Im Kontext der Globalisierung erforschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Margaret Atwood, Don De Lillo, Laurent Mauvignier, Maylis de Kerangal in ihren Romanen die fiktionalen Möglichkeiten einer kosmopolitischen Imagination, die sich auf immer mächtigeren Verbindungslinien, materieller oder immaterieller Art, begründet und die grundlegend die Wirklichkeit und unsere Wahrnehmung sowohl des Anderen als auch des Anderswo strukturiert. Sie müssen in ihrem Schreiben also einen Standpunkt zu dem problematischen Verhältnis von ‘lokal’ und ‘kosmopolitisch’ einnehmen, wie Ursula Heise (2008) es kritisch dargestellt hat. Welchen Anteil hat die globale Dimension der ökologischen Problematik an der Errichtung dieses neuen Genres?

 

Keynote von Prof. Dr. Kate Rigby (Bath Spa University) und Prof. Dr. Gabriele Dürbeck (Universität Vechta).

Die Beitragsvorschläge (etwa 400 Wörter) müssen in einer der Konferenzsprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch) eingereicht werden, ebenso eine Publikationsliste des Verfassers/der Verfasserin, bei literature.green@ugent.be bis spätestens zum 15. Mai 2020.

Der Organisationsausschuss ist nicht imstande, die Reisekosten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu übernehmen. Die Teilnahmegebühr beträgt 100 Euro.

Während des Symposiums werden auch Diskussionsrunden mit den Schriftstellerinnen Gisèle Bienne und Francesca Melandri, die sich in ihrem Werk mit ökologischen Problematiken beschäftigen, organisiert. So kann ein kritischer Dialog zwischen der Wissenschaft und der zeitgenössischen Kunst zu den obengenannten Themen stattfinden.

 

Wissenschaftlicher Ausschuss

Riccardo Barontini, Universität Gent
Franca Bellarsi, Freie Universität Bruxelles
Benjamin Biebuyck, Universität Gent
Stef Craps, Universität Gent
Enrico Mattioda, Universität Turin
Alain Romestaing, Universität Paris V
Denis Saint-Amand, Universität Namur
Niccolò Scaffai, Universität Siena/ Universität Lausanne
Pierre Schoentjes, Universität Gent
Anne Simon, CNRS/EHESS Paris
Sabine Verhulst, Universität Gent

 

Organisationsausschuss

Riccardo Barontini, Universität Gent (Vorsitzender)
Franca Bellarsi, Freie Universität Bruxelles
Benjamin Biebuyck, Universität Gent
Sara Buekens, Universität Gent
Stef Craps, Universität Gent
Miruna Craciunescu, Universität Gent/Universität Laval
Irene Cecchini, Universität Gent
Hannah Cornelus, Universität Gent
Hanne Janssens, Universität Gent
Ida Marie Olsen, Universität Gent
Denis Saint-Amand, Universität Namur
Pierre Schoentjes, Universität Gent
Niccolò Scaffai, Universität Siena/ Universität Lausanne