Corbea-Hoisie on Hirsch and Spitzer, 'Ghosts of Home: The Afterlife of Czernowitz in Jewish Memory'

Author: 
Marianne Hirsch, Leo Spitzer
Reviewer: 
Andrei Corbea-Hoisie

Marianne Hirsch, Leo Spitzer. Ghosts of Home: The Afterlife of Czernowitz in Jewish Memory. Berkeley: University of California Press, 2010. xxiv + 362 pp. $39.95 (cloth), ISBN 978-0-520-25772-6; $24.95 (paper), ISBN 978-0-520-27125-8.

Reviewed by Andrei Corbea-Hoisie (University Alexandru Ioan Cuza, Iasi) Published on HABSBURG (June, 2010) Commissioned by Jonathan Kwan

Eine "Idee" von Czernowitz

Dass ein falscher Eindruck von dem Sinn ihres Unternehmens entstehen könnte, indem ihr Buch lediglich die Erfahrungen mehrerer Reisen auf der Suche nach ihren Wurzeln in der heute zwischen der Ukraine und Rumänien zerrissenen historischen Region Bukowina und besonders in deren Hauptstadt Tschernivtsi / Cernauti / Czernowitz zu sammeln scheine, leuchtet den beiden Autoren, dem Komparatisten-Ehepaar Marianne Hirsch und Leo Spitzer freilich ein. Das bekannte Rezept zahlreicher Produktionen dieser Sorte ist eigentlich einfach: die (Wieder)-Entdeckung von Orten und Objekten soll den Anlass anbieten, in der bekannten madeleine-Manier die Reflexe der mémoire involontaire und dadurch das retrospektive Aufrollen vergangener Zeitsequenzen auszulösen. Die übliche Montageart des Erinnerns von Geschichten in Berührung mit Gedächtnisorten blendet meistens die Warnung von Pierre Nora aus, der nachdrücklich auf eine Gefahr des Durcheinanders zwischen dem subjektiv geprägten menschlichen Gedächtnis und der Geschichte hingewiesen hatte, wenn es sich um die allgemeine Wahrnehmung zurückliegender "Fakten" handelt. Gerade eine ähnliche Problematisierung begleitet auch den Ansatz von Marianne Hirsch und Leo Spitzer, als sie eine ganze Reihe von Fragen aufzählen, die sich in Bezug auf die an sich lobenswerte Absicht stellen lassen, im zeitgenössischen Tschernivtsi ein Museum der lokalen jüdischen Geschichte einzurichten. Ein Dialog zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit kann nicht--so die Autoren--ohne das Bewusstsein geführt werden, das eine Erklärung dafür, warum die ehemalige österreichische, rumänische und dann auch sowjetische Provinzstadt im Mittelosteuropa einen besonderen Platz im jüdischen Kollektivgedächtnis einnimmt, von zahlreichen Paradoxien, Widersprüchen und kontroversen Interpretationen gezeichnet ist, was von vornherein nicht nur eine strenge Kritik der schriftlichen, mündlichen und bildlichen Quellen, sondern auch eine hermeneutisch fundierte Reflexion über den von Erfahrungen und Erwartungen der Vermittler (in letzter Instanz Marianne Hirsch und Leo Spitzer) bedingten Vermittlungshorizont erfordert. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem einspurigen Mythos setzt in dem vorliegenden Buch einen methodischen "Entzauberungs"-Willen voraus, der u.a. auch eine vielschichtige Prüfung der unvermeidlich bruchstückhaften Historien und Bilder mit all ihren umständlichen Bedingtheiten bewerkstelligen würde, aus denen sich letztendlich die unwiederholbare Einmaligkeit der Zeitläufte ergibt.

Die eigene Einstellung gegenüber der Czernowitzer Vergangenheit definieren die Autoren als eine Art "postmemory", mit anderen Worten als eine über die Erinnerungen der unmittelbaren Zeugenschaft überlieferte Erinnerung "zweiten Grades", deren gestaltende Fähigkeit nicht zuletzt auch von der Beharrlichkeit der in der weltweiten Diaspora herumirrenden Eltern verstärkt wurde, den Kindern die distinktive Deutschsprachigkeit der jüdischen bürgerlichen Milieus der "Heimat" einzuprägen. Diese vielfach imaginierte, aber nie erlebte "Heimat" war das Ziel der ersten Reise von Marianne Hirsch und ihres Gatten nach Czernowitz im Jahre 1998, als sie Mutter und Vater Lotte und Carl Hirsch, die die Stadt im Jahre 1945 verlassen hatten, auf ihre kurze, zwiespältig empfundene Rückkehr "nach Hause" begleiteten. 2000, 2006 und 2008 führten die Wege der beiden Autoren wiederum in die ehemalige Bukowiner Hauptstadt, aber diesmal auch nach Transnistrien, in jene Gegend, in der während des 2. Weltkriegs die rumänischen Alliierten Hitlers die dorthin--mit wenigen Ausnahmen--vertriebene Gemeinschaft der Bukowiner Juden durch Terror, Hunger und Krankheiten grausamst auszurotten getrachtet hatten. Die verschiedenen "Spuren" der Vergangenheit werden im Laufe der Expeditionen als puzzle-Teile eines allgemeinen Gedächtnises sorgfältig registriert und ihrer Relevanz nach in die Chronologie integriert: zum Beispiel soll die Auswahl der Bücher in der Privatbibliothek der in Czernowitz verbliebenen Cousine Rosa Zuckermann (die spätere "Heldin" des Czernowitz-Films von Volker Koepp) sowohl von der "Resonanz und Persistenz" als auch von der "Zerstreung und Auflösung" einer spezifischen Kultur zeugen, die von jener Schicht der Czernowitzer Stadtbevölkerung getragen wurde, die sich mit der Blüte der dortigen urbanen Zivilisation identifiziert hatte--das deutschsprachig-jüdische Bürgertum, das schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank einer eigentümlichen geschichtlichen Konstellation und infolge eines langwierigen Emanzipations- und Akkulturationsprozesses sich das Ideal des liberalen homo austriacus am östlichen Rand der Habsburger Monarchie zu eigen machte. Hauptsächlich aufgrund ihrer Deutschsprachigkeit hatte Karl Emil Franzos, als er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen herben Spruch über Osteuropa als "halb-asiatische Wüste" fällte, die zur "Kulturoase" gekürte Bukowina von diesem Schmach ausgenommen; die mitteleuropäisch geprägte Bürgerlichkeit versprach noch bis zum 1. Weltkrieg und trotz aller sich zuspitzenden nationalen und sozialen Gegensätze,--wobei diejenigen zwischen religiösen und freisinnigen Juden, zwischen Zionisten und Bundisten, zwischen den Anhängern des Jiddischen und den Getreuen der "deutsch-jüdischen Symbiose" keine geringe Rolle spielten--, den mit Bildung, Toleranz und Pluralität geschmückten Fortschritt. Jenseits der besagten Gegensätze würde die gedankliche Projektion der in dem kleinen Privatarchiv von Lotte und Carl Hirsch gesammelten (und dem Holocaust Museum in Washington gestifteten) Strassenphotos von Leuten in Czernowitz in die sich bis heute relativ gut erhaltene Architektur der ehemaligen Herrengasse die komfortable Normalität eines (sich auch nach 1918, nach dem Anschluss der Bukowina an Rumänien, re-produzierten) bürgerlichen Alltags fügen, worin man trotz Gefahren und Bedrohungen mit der Illusion weiter leben wollte, die Beständigkeit des sich imaginierten "Westen" im Osten--die "Idee" von Czernowitz--sei von jeglicher Barbarei unantastbar.

Eben die Frage des Überlebens dieser "Idee" von Czernowitz in der Kollision mit dem Grauen einer unerbittlichen Geschichte beschäftigt die beiden Autoren in jenen Kapiteln des Buches, wo das Schicksal der Eltern, ihrer Verwandten und Freunden an jener "Epochenschwelle" rekonstituiert wird, als man ihnen von heute auf morgen die Grundlage ihres sozialen, kulturellen, selbst menschlichen Selbstverständnisses zunichte machte. Die sowjetische Besatzung Czernowitz' 1940-1941, die von vielen Juden in der Stadt (wie Carl Hirsch) begrüsst wurde, denn sie hegten die Hoffnung, von jetzt an in einer vom Antisemitismus befreiten Gesellschaft dasein zu dürfen, begann mit Enteignungen und der Angst vor der NKWD und endete mit den Deportationen "feindlicher [d.h. bürgerlicher] Elemente" nach Sibirien; die von den Sowjets "befreiende" Schreckensherrschaft der Deutschen und den Rumänen brachte für die Juden den sofortigen Verlust der Zivilrechte, die erneute, rassebedingte Enteignung, Pogrome, das Ghetto, die Zwangsarbeit und die mörderischen Deportationen nach Transnistrien, obwohl es gleichzeitig auch mutige--wenn auch zu wenige--Hilfssversuche gab, wie jener des Bürgermeisters Traian Popovici, der tausende von Juden (wie z. B. die im Ghetto verheirateten Lotte und Carl Hirsch) als "unentbehrlich" für die Stadt erklärte und sie auf diese Weise von der Vertreibung schonte; schliesslich rettete die siegreiche Offensive der Roten Armee den Erbeuteten das Leben, jedoch die Wiederherstellung der sowjetischen Ordnung in der Nordbukowina bedeutete für viele--einschliesslich für Lotte und Carl Hirsch--die Gewissheit, dass "ihr" Czernowitz nur noch in der Verklärung des Gedächtnisses überdauern könne, und damit den Anlass, definitiv ins "Exil" zu gehen.

Marianne Hirsch und Leo Spitzer verstehen es gut, dieses kaleidoskopische Geschehen höchst spannend und in seiner komplexen und nicht selten widersprüchlichen Vielstimmigkeit zu inszenieren. Das "Wissenschafliche", das im Buch ein breites Forschungsfeld deckt, hält sich stets hinter dem narrativen Diskurs, der mit einer Art nüchterner Empathie der Leserschaft zweifelsohne rechnen kann. Unseres Wissens handelt es sich um das erste Werk, das das Czernowitzer "Phänomen"--auf einem anderen Weg als John Felstiner in seinem Buch über Paul Celan (Paul Celan: Poet, Survivor, Jew,1995)--dem englischsprachigen Publikum in seiner ganzen Spannweite darstellt. Ein Erfolg wird sicherlich nicht ausbleiben.

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Citation: Andrei Corbea-Hoisie. Review of Hirsch, Marianne; Spitzer, Leo, Ghosts of Home: The Afterlife of Czernowitz in Jewish Memory. HABSBURG, H-Net Reviews. June, 2010. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=30399

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