CFP: Deutsch-polnische Filmbegegnungen im 21. Jahrhundert (31.07.2022)

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Deutsch-polnische Filmbegegnungen im 21. Jahrhundert

Tagung an Universität Lodz

Institut für Germanistik

02.-03. Dezember 2022

Call for papers

 

by Jakub Gortat

 

            Die im Film thematisierte deutsch-polnische Nachbarschaft inspirierte bereits zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Sie beziehen sich vorzugsweise auf die Problematik des Krieges und der deutschen Besatzung oder auch auf die gegenwärtigen Konflikte in den Grenzregionen sowie auf die Rolle von Stereotypen in deutsch-polnischen Kontakten (Król; Kopp; Malchow; Dębski 2013), die im polnischen und deutschen Film unterschiedlich gezeigt werden (Trajman; Matuszak-Loose). Hervorgehoben werden auch die gegenseitigen Inspirationen (Fiuk; Großmann) und Biographien von Filmpersönlichkeiten, deren Oeuvre sich unter dem Gesichtspunkt von mehr als einer nationalen Perspektive interpretieren lässt (Wach; Klejsa). Darüber hinaus zeigen Filmwissenschaftler:innen immer mehr Interesse an der Vergangenheit der deutsch-polnischen Beziehungen (Mückenberger; Król 2004) oder – im Gegenteil – sie konzentrieren sich auf die zeitgenössischen deutsch-polnischen Kontakte (Gwóźdź).

            Der Großteil der Publikationen wurde allerdings in polnischer Sprache verfasst und somit ist er für deutschsprachige Leser und Leserinnen unerreichbar. Die von Andrzej Dębski (2015) diagnostizierte Asymmetrie der Beschäftigung mit dem Nachbarn im Film bezieht sich ebenso auf die Tatsache, dass sich polnische Filmemacher:innen öfter mit deutsch-polnischen Themen auseinandersetzen als ihre deutschen Kollegen und Kolleginnen. Darüber hinaus bleibt eine ähnliche Asymmetrie ebenfalls in Bezug auf die wissenschaftliche Literatur bestehen. Einen neuen Ansatz bietet in dieser Hinsicht die vor Kurzem erschienene Monographie von Rebecca Großmann, die einräumt: „Der deutsch-polnische Fall bietet fruchtbaren Boden, um die Idee einer Verflechtungsgeschichte auch mit Hinblick auf identitätsstiftende Momente zu diskutieren, denn gerade in Versöhnungsprozessen werden kollektive Erinnerung wie auch kollektive Identitäten auf den Prüfstand gestellt und neu verhandelt“ (22-23).

            Die auch von Großmann angesprochene Miniserie Unsere Mütter, unsere Väter, obwohl in Deutschland und in Polen völlig unterschiedlich interpretiert (Saryusz-Wolska/Piorun), ist ein aufschlussreiches Beispiel dafür, dass sich das Konzept des ‚dialogischen Erinnerns‘ von Aleida Assmann im Fall von zwei verschiedenen Blickwinkeln auf die Erinnerung des Zweiten Weltkriegs nicht verwirklichen lässt – oder doch? Wenn wir auch die neusten polnischen, deutschen und deutsch-polnischen Filmproduktionen wie zum Beispiel Der Überläufer (Dezerter, 2020), Unser letzter Sommer (Letnie przesilenie, 2015), Joanna (2010) oder aber einzelne Folgen zweier polnischer Serien Czas honoru (Die Zeit der Ehre, 2008-) und Wojenne dziewczyny (Kriegsmädchen, 2017-) in Betracht ziehen, könnten wir vielleicht doch von einem Kompromiss sprechen, der es den Filmemachern und Filmemacherinnen erlaubt, von Erfahrungen beider Seiten gleichermaßen zu sprechen.

            Weitere deutsch-polnische Filmbegegnungen schließen sich mit der Produktion von den immer zunehmenden deutsch-polnischen Film-Koproduktionen auf, die sich manchmal überhaupt in keinen transnationalen Kategorien interpretieren lassen. Ein interessantes Forschungsfeld bietet die Frage, weshalb deutsche Filmförderungsfonds an der Produktion der Filme interessiert sind, die kaum unter Mitwirkung deutscher Filmemacher:innen entstehen (wie z. B. Świnki, 2009; 33 sceny z życia, 2008; Nadzieja, 2006; u.v.a) oder umgekehrt – warum der polnische Filmförderungsfonds deutsche Produktionen mitfinanziert, die kaum einen polnischen „Einfluss“, weder auf die Narration noch auf die Dreharbeiten aufweisen (wie z.B Der Hauptmann, 2017).

            Da Filme im sozialen Kontext funktionieren, soll letztendlich auch der Frage nach ihrer Rezeption nachgegangen werden. Sicher ist, dass die Rezeption nicht nur auf die Pressestimmen zurückgeführt wird, sondern auch die Zuschauerzahlen, Einschaltquoten, Medienberichte, soziale und politische Kontroversen und jegliche durch die Medien vermittelten Ereignisse, die von einer Resonanz eines Films zeugen (nach Ebbrecht-Thomas), einbezieht. Dies bezieht sich auch auf die älteren, vor 2001 (und auch vor der Wende 1989/90) produzierten deutsch-polnischen Filme.

            Ziel der Tagung ist es daher, eine kritische Reflexion über die neuesten deutsch-polnischen Filmbegegnungen anzuregen, verstanden sowohl im metaphorischen Sinne, als auch im konkreten Kontext der Narration, Produktion und Rezeption. Einige (durchaus ergänzungsfähige) Leitfragen können folgendes Themenspektrum andeuten:

  • Deutsch-polnische Filmbegegnungen im inter- und transnationalen Kontext;
  • Die Asymmetrien in der Visualisierung des Nachbarn im nationalen Film;
  • Eine deutsch-polnische Annäherung in den deutschen, polnischen und deutsch-polnischen Filmen über den Zweiten Weltkrieg und über andere Episoden der gemeinsamen Geschichte;
  • Neue Blicke auf den Stereotyp des Deutschen im polnischen Film sowie auf den Stereotyp des Polen im deutschen Film;
  • Anwendung von neuesten Erinnerungstheorien im transnationalen Filmkontext;
  • Neue Ansätze zu älteren (vor 2001) deutschen, polnischen und deutsch-polnischen Filmproduktionen;
  • Die Mitfinanzierung der deutschen Filme durch das Polnische Filminstitut (Polski Instytut Sztuki Filmowej – PISF) und durch andere Fonds sowie der polnischen Filme durch deutsche Fonds;
  • Rezeption und Resonanz der deutsch-polnischen Filmbegegnungen.    

            Wir bitten um Abstracts (max. 250 Wörter) für einen 20-minütigen Vortrag inkl. einer kurzen biographischen Notiz mitsamt Kontaktdaten bis zum 31. Juli 2022 an jakub.gortat@uni.lodz.pl oder joanna.bednarska@uni.lodz.pl. Die Entscheidungen über die Akzeptanz des Themenvorschlags werden bis zum 15. September 2022 geschickt. Nach der Akzeptanz der jeweiligen Vortragsvorschläge bitten wir um Entrichtung der Konferenzgebühr in der Höhe von 300 zł (70 EUR). Die Organisator:innen kommen für die Kosten der Übernachtung auf (zwei Nächte mit Frühstück) sowie für eine warme Mahlzeit jeden Tag. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Polnisch mit Simultanverdolmetschung in beide Sprachen.

            Die Organisator:innen planen eine Publikation von ausgewählten Tagungsbeiträgen in einem renommierten Verlag.

 

Im Namen des Organisationskomitees: Dr. Jakub Gortat, Dr. Joanna Bednarska-Kociołek

 

Auswahlbibliographie

 

Assmann, Aleida. „Die Last der Vergangenheit,“ Zeithistorische Forschungen 4 (3/2007), S. 375-385.

Dębski, Andrzej. „Dekonstrukcja czy utrwalanie? Stereotypy ‘sąsiada zza Odry’ we współczesnym kinie polskim i niemieckim,” in Monolog, dialog, transfer. Relacje kultury polskiej i niemieckiej w XIX i XX wieku, Hg. Mirosława Zielińska und Marek Zybura, Wrocław 2013, S. 195-210.

Dębski, Andrzej. „Obraz Polski i Polaków w filmie niemieckim oraz Niemiec i Niemców w filmie polskim po 1945 r.,” in Interakcje. Leksykon komunikowania polsko-niemieckiego. Tom 1, Hg. Alfred Gall u.a., Wrocław 2015, S. 125-154.

Ebbrecht-Hartmann, „Media resonance and conflicting memories: Historical event movies as conflict zone,” Memory Studies, First Published February 27, 2020, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1750698020907948.

Fiuk, Ewa. „Przenikania, analogie, inspiracje – współczesny film polski i niemiecki,” in W drodze do sąsiada. Polsko-niemieckie spotkania filmowe, Hg. Andrzej Dębski und Andrzej Gwóźdź, Wrocław 2013, S. 193-222.

Gortat, Jakub. „Seeking German-Polish Reconciliation in a Heritage Film. Reflections on Florian Gallenberger’s Der Überläufer (2020),” German Quarterly 95 (2/2022), S. 183-199.

Großmann, Rebecca. Moving Memories. Erinnerungsfilme in der Trans-Nationalisierung der Erinnerungskultur in Deutschland und Polen, Köln 2021.

Jagielski, Sebastian und Podsiadło, Magdalena (Hg.), Kino polskie jako kino transnarodowe, Kraków 2007.

Kałuża, Andrzej. „Alle reden Polnisch. Deutsch-polnische Geschichte im polnischen Film,“ Blog des Deutschen Polen Instituts (DPI), 19. Mai 2020, https://www.deutsches-polen-institut.de/blog/alle-reden-polnisch-deutsch-polnische-geschic... (Zugriff: 9. Februar 2022).

Kita, Barbara. „W pułapce koprodukcji? 'Niemieckie' filmy Andrzeja Wajdy,” in Kino niemieckie w dialogu pokoleń i kultur, Hg. Andrzej Gwóźdź, Kraków 2004, S. 369-378.

Klejsa Konrad; Schahadat Schamma (Hg.) Deutschland und Polen. Filmische Grenzen und Nachbarschaften, Marburg 2011.

Król, Eugeniusz Cezary. „Obraz Niemca w polskim filmie fabularnym w latach 1946-2005. Przyczynek do dyskusji nad heterostereotypem narodowym w relacjach polsko-niemieckich,” in W drodze do sąsiada. Polsko-niemieckie spotkania filmowe, Hg. Andrzej Dębski und Andrzej Gwóźdź, Wrocław 2013, S. 193-230.

Matuszak-Loose, Bernadetta. „Wielka historia w kinie polskim i niemieckim,” in W drodze do sąsiada. Polsko-niemieckie spotkania filmowe, Hg. Andrzej Dębski und Andrzej Gwóźdź, Wrocław 2013, S. 287-408.

Mückenberger, Christiane. „Wizerunki sąsiada ze Wschodu. Od Kulturfilmu czasów weimarskich do dokumentu NRD,” in Kino niemieckie w dialogu pokoleń i kultur, Hg. Andrzej Gwóźdź, Kraków 2004, S. 333-348.

Saryusz-Wolska, Magdalena / Piorun, Carolin, „Verpasste Debatte. ‘Unsere Mütter, unsere Väter‘ in Deutschland und Polen,“ Osteuropa, 64. Jg., 11–12/2014, S. 115–132.

Trajman, Joanna. „Obrazy nazizmu i II wojny światowej w filmie polskim i niemieckim,” in: Interakcje. Leksykon komunikowania polsko-niemieckiego. Tom 1, Hg. Alfred Gall u.a., Wrocław 2015, S. 181-200.

Wach, Margarete. „Polscy i niemieccy twórcy filmowi w drodze do sąsiada,” in W drodze do sąsiada. Polsko-niemieckie spotkania filmowe, Hg. Andrzej Dębski und Andrzej Gwóźdź, Wrocław 2013, S. 165-192.